Use your widget sidebars in the admin Design tab to change this little blurb here. Add the text widget to the Blurb Sidebar!

Entstehung und Strategie: Wie der Infokrieg der Identitären die Musik erreicht

„2020 wird das Jahr des Heimat-Rap“, titelte die neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit Ende Januar 2020. Die Aussage stammt von Chris Ares[1], dem bislang erfolgreichsten Rechtsrapper im Umfeld der extrem rechten Identitären Bewegung. Sein erstes komplettes Album „Ares“ soll am 03. Juli 2020 bei dem einschlägigen Label Arcadi Musik erscheinen.

Seit Monaten angekündigt und immer wieder verschoben: Zlochs erstes Album

Die bisherigen Veröffentlichungen des identitären Rechtsrappers konnten durchaus Erfolge erzielen, die auch ausserhalb extrem rechter Filterblasen wahrnehmbar waren. So erreichte der 2019 veröffentlichte Track „Neuer Deutscher Standard“ kurzzeitig Platz 1 der Amazon-Charts, Platz 10 bei iTunes und Platz 95 in den Media-Control Charts. Bereits zuvor erzielte Zlochs Album „2014-2018 „ den ersten Platz der iTunes-Charts. Entscheidend war dabei Platz 6 der wöchentlichen Download-Charts, was MTV dazu zwang den Track im Rahmen ihres Programms zu spielen.

Damit spielt Chris Ares mit seinem Projekt Neuer Deutscher Standard (NDS)[2] eine wichtige Rolle bei den Versuchen der identitären extremen Rechten junge Zielgruppen über subkulturelle Mittel zu erreichen und darüber in ihrem Sinne zu politisieren.

Geänderte Strategien der Identitären bei der Ansprache jugendlicher Zielgruppen

IB-Rapper Zloch

Die Gründung der Identitären Bewegung (IB) wurde in Deutschland von zentralen Vordenkern der sogenannten Neuen Rechten mitgegründet und stellte für einige Jahre die inoffizielle Jugendorganisation dieser extrem rechten Szene dar. Mit ihrem modernen und aktionistischen Auftreten sowie einer zeitgemäßen Sprache gelang es ihr, völkischen Nationalismus wie Rassismus stilistisch hip zu verpacken und Jugendliche wie junge Erwachsene anzusprechen. Damit leistete sie eine wichtige Vorfeldarbeit bei der Ansprache einer Zielgruppe, die sich die Neue Rechte bis dahin nicht erschliessen konnte. Seit dem sich dieses zentrale metapolitische[3] Instrument der Neuen Rechten in einem unumkehrbaren Niedergang befindet und von ihrem Geburtshelfer Götz Kubitschek bereits als „bis zur Unberührbarkeit kontaminiert“ bezeichnet wurde, suchen die sich selbst als Rechtsintellektuelle begreifenden Identitären nach neuen Wegen, um ihre völkischen und rassistischen Ideen möglichst unverfänglich in die Köpfe junger Menschen einpflanzen zu können. Unter den zahlreichen gescheiterten Versuchen der Neuen Rechten die Jugend metapolitisch beeinflussen zu können, stellt Chris Ares derzeit einen der erfolgreichsten dar.

Neue Wege – Gleiche Ziele

Martin Sellner und andere Kader der Identitären beklagen seit Längerem, dass trotz regional starker Ergebnisse der AfD immer noch ein tiefer Graben zwischen Gesellschaft und Rechtsaußen besteht. Wichtige gesellschaftliche Teilbereich wie Medien, Wissenschaft oder Kunst sind aus rechter Sicht immer noch in der Hand „linksgrüner Globalisten“, weshalb empfohlen wird, zweigleisig zu fahren, um den parteipolitischen Rechtsruck auch gesellschaftlich wirksam und für die extreme Rechte fruchtbar zu machen. Das neurechte Schlagwort dazu heißt Metapolitik. Mit ihrer Hilfe wollen die Rechten unter Zuhilfenahme der Theorien des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci die kulturelle Hegemonie erobern. Dabei ist ihnen mittlerweile offenbar jedes Mittel –  genauer gesagt jedes Medium – recht. Während die zentrale metapolitische Struktur der Neuen Rechten – die Identitäre Bewegung – zu Beginn großen Wert auf ihr elitäres Außenbild als junge, neurechte Avantgarde legte, musste sie aufgrund ihrer zunehmenden Bedeutungslosigkeit von diesem Leitbild abrücken. Bei den Identitären im Ruhrgebiet führte dies beispielhaft zu einer offenen Annäherung an neonazistische, offen gewaltbereite Kreise, mit denen eine Zusammenarbeit aufgrund der eigenen Außendarstellung vor zwei bis drei Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Der Versuch der Ruhrgebiets-Identitären ihr menschenverachtendes Satireformat Ruhrpott Roulette dem eigenen Lager als metapolitisches Agitationsmedium zu verkaufen, sorgte bereits für massive Kritik aus der neurechten Ecke. Zu stumpf, einfältig und stupide wirkten darin die beiden Protagonisten Kai Naggert und Marius König, die ihre plumpen Witze auf Kosten marginalisierter Menschen machten.

Insgesamt läßt sich in den letzten Jahren eine starke Ausdifferenzierung des neurechten Lagers feststellen. Die Identitäre Bewegung (IB) rückte in diesem Vorgang von ihrer zentralistischen Struktur ab und räumte regionalen IB-Gruppen und Einzelpersonen gewisse Freiheiten ein, ohne dabei das Ziel der Metapolitik aus den Augen zu verlieren. Ziel ist ein „kultureller“ Mikrokosmos:  Literatur, Magazine und Zeitschriften, Youtuber, regionale Chatgruppen, Kunst, Bier und Szenesprache sollen jungen Menschen den Einstieg in einen rechten Lifestyle eröffnen. Aufgrund ihrer eigenen „Kontamination“ (Götz Kubitschek) tritt die Identitäre Bewegung allerdings deutlich zurückhaltender auf und labelt viele ihrer Aktivitäten nicht mehr mit dem Corporate-Design der IB. Dementsprechend sind die meisten dieser neurechten Projekte auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen. Das charakteristische Lambda taucht nicht mehr auf, menschenverachtende Inhalte werden elegant verpackt und subtil vermittelt. Die IB versucht nun über Umwege anschlussfähig zu werden und ihren Kulturkampf von Rechts auf anderen Ebenen weiterzuführen. Dabei bleiben junge Menschen weiterhin die Zielgruppe der Identitären.

Identitärer Rechtsrap

Rapmusik avancierte in den letzten Jahren zur größten Jugendkultur hierzulande und erreicht mittlerweile Millionen von Jugendlichen. Ein ideales Medium also für die Strategie der Neuen Rechten, wäre da nicht die unüberwindbare Diskrepanz zwischen dem elitären, nationalistischen Anspruch und der aus der afroamerikanischen Community von Harlem hervorgegangenen Hip-Hop Kultur. Auch viele der bekanntesten Rapper in Deutschland haben einen Migrationshintergrund, so dass für die Rechte ein massiver Gewissenskonflikt entsteht, wenn sie dieses absolut undeutsche Musikgenre bedienen möchte. Allerdings sind die Identitären nicht die ersten extremen Rechten, die sich im Bereich Rap versuchen. Dabei sprachen NPD und Neonazis jedoch lieber von „nationalem Sprechgesang“ als von HipHop oder Rap.

Neonazi-Rapper wie Michael Björn Bock/Der Bock, Julian Fritsch/MaKss Damage oder Patrick Killat/Villain051 sind bereits seit den 2000er Jahren in diesem Bereich aktiv. Dabei sind diese Akteure jedoch nicht über die Aufmerksamkeit der eigenen neonazistischen Szene hinausgekommen. Videos und Musik waren häufig dilettantisch produziert und meist war die Rapkarriere der Neonazis bereits nach 1-2 Jahren beendet. Die Schulhof-CD der NPD war ebenfalls ein Versuch junge Menschen mittels Musik für Nazi-Ideologie zu gewinnen – ebenfalls mit überschaubarem Erfolg. Parallel zum Scheitern der Autonomen Nationalisten – einer Phase der Modernisierung der neonazistischen Szene, in der Experimente möglich waren und die als wichtige Vorstufe der Etablierung der IB betrachtet werden kann – scheiterte auch der Versuch der Neonazis mittels HipHop junge Menschen in größerem Maß zu erreichen.

Zloch bei der „Ahnenverehrung“

Die Identitäre Bewegung ist derzeit dabei diese über HipHop vermittelte Ansprache junger Menschen weiterzuentwickeln und ist damit weitaus erfolgreicher als ihre neonazistischen Vorläufer. Der Inhalt bleibt dabei jedoch im Wesentlichen derselbe: Es geht um Disziplin, Treue, Stärke, Tapferkeit, Ehre und Stolz – und um Deutschland. Allerdings ist es den Identitären gelungen, den alten NS-Rap auf eine neue Stufe zu heben. Subtilere Texte, eine professionelle Aufmachung und ein effektives Vertriebs-Netzwerk im Hintergrund sorgen für teilweise beachtliche Klick- und Kaufzahlen. Insgesamt unternimmt die Neue Rechte aktuell den Versuch mit Bloody32 (Rap), Chris Ares, Prototyp und Primus (Rap) sowie Sacha Korn (Metal/Rock) rechte Akteure im Musikbereich großzumachen.[4] Ihre Texte sind dabei geprägt von Antisemitismus, antimuslimischem Rassismus sowie Antiamerikanismus und sind gespickt mit verschwörungstheoretischen Schlagwörtern. Deutschland, „Heimat“ und „das Eigene“ werden glorifizierend dargestellt und mythisch aufgeladen. Der Nationalsozialismus, die Shoah oder die deutsche Kolonialgeschichte hingegen werden strategisch ausgespart, um eine rein positive Erzählung Deutschlands konstruieren zu können.

Der erste identitäre Rapper Patrick Uli Bass/Komplott gab im Januar 2020 seine Rapkarriere überraschend auf, was im Milieu des IB Rap für Unstimmigkeiten sorgte. Dabei gab Bass  berufliche Gründe an und bezog sich auf sein Jurastudium. Als Vorreiter des IB Raps war er seit 2015 als Identitärer musikalisch aktiv, wurde in einer extrem rechten Burschenschaft sozialisiert und war davor nicht nur musikalisch in Neonazi-Kreisen aktiv.[5] Melanie Schmitz hat sich als Kader der IB im Rahmen des Projekts Varieté Identitaire ebenfalls musikalisch betätigt. Derzeit legt sie jedoch aufgrund von Schwangerschaft und Mutterschaft eine Pause bei ihrem politischen Aktivismus ein. Vor kurzem heiratete sie ihren Freund und IB-Regionalleiter von Defend Ruhrpott Marius König.

Aus dem Game: Komplott und Schmitz 2019 im Interview mit dem rechten Youtuber Miró Wolsfeld

Dementsprechend sind aktuell die drei identitären Rapper Chris Ares/Christoph Aljoscha Zloch, Prototyp/Kai Naggert und Bloody32/Maik Siewert  sowie die sie umgebenden rechten Netzwerke die entscheidenden Akteure bei dem Versuch der Identitären mittels Rap neue Zielgruppen zu erschliessen und einen attraktiven rechten Lifestyle zu schaffen. Innerhalb der weiter oben skizzierten Strategie der Identitären übernehmen sie dabei die Funktion des Türöffners, die junge Menschen in eine extrem rechte Filterblase vermittelt. Der Infokrieg der Identitären hat die Musik erreicht.

rappende „Metapolitiker“: Prototyp, Bloody32 und Chris Ares

 

_______________________________________________________________________

[1]Der bürgerliche Name von „Chris Ares“ lautet Christoph Aljoscha Zloch. Sein Künstlername bezieht sich offenbar auf den griechischen Gott Ares, den Gott des „schrecklichen Krieges, des Blutbades und Massakers“.

[2]Das Projekt Neuer Deutscher Standard (NDS) wurde im Sommer 2019 zusammen mit Arcadi Musik gegründet. Mittlerweile gehört ihm auch der Weseler Identitäre Kai Alexander Naggert unter dem Künstlernamen Prototyp  an.

[3]Mit Metapolitik meint die Neue Rechte die Beeinflussung der Gesellschaft im vorpolitischen, kulturellen wie subkulturellen Raum im Rahmen einer Strategie des Kulturkampfes und der Kulturrevolution von rechts. Ziel ist die Beeinflussung und Setzung von Diskursen um die eigenen Positionen gesellschaftlich mehrheitsfähig zu machen.

[4] Die Akteure Bloody32 aka Maik Siewert sowie PrototypNDS aka Kai Alexander Naggert werden in Kürze in gesonderten Artikeln behandelt werden.

[5]Vgl. https://lsa-rechtsaussen.net/komplott-identitaerer-ns-rap-nicht-aus-halle/