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Strategie: Sneaker, Sonnenbrille und Instagram statt Springerstiefel, Glatze und Baseballschläger

„Wir müssen unsere Aussagen so gestalten, dass sie nicht mehr ins Klischee der ‚Ewiggestrigen‘ passen. Der Sinn der Aussage muss freilich der gleiche bleiben.“

Wilfried von Oven, Pressereferent von Joseph Goebbels 1973

Innerhalb der Neuen Rechten bedient die IB strategisch den Bereich der Metapolitik, indem sie versucht meinungsbildend im öffentlichen Raum zu agieren. Dabei sieht sie sich als Vorkämpferin einer „Kulturrevolution von rechts“, bei der z.B. Begriffe wie „Volk“ und „Nation“ im Kollektivgedächtnis wieder positiv besetzt werden sollen. Gedenkende des Holocausts gehören nach Logik der Identitären zu einer „Schuldsekte“. Ähnlich wie die bekannten nationalistischen Hardliner der AfD versuchen die jungen extremen Rechten Tabus zu brechen und die Grenzen des Sagbaren im Diskurs nach rechts zu verschieben. Die Formulierung Martin Sellners, Kopf der Identitären im deutschsprachigen Raum, fasst die Strategie der Identitären gut zusammen: „Die Aufgabe einer echten Metapolitik muss es sein, das identitäre Gefühl, die Liebe zum Eigenen, die Empörung gegenüber unserer absurden und sinnlosen Selbstabschaffung in unbelastete Symbole und Begriffe zu gießen. Begriffe, die dennoch klar und radikal sind und zum Stachel im Fleisch des Mainstreams werden.“ Der Politologe Samuel Salzmann sieht darin zwei Ziele die den Identitären und der Neuen Rechten im Allgemeinen zukommen: „die Intellektualisierung des Rechtsextremismus durch die Formierung einer einer intellektuellen Metapolitik und die Erringung einer kulturellen Hegemonie.“ (Weiß, 2017)

Enttäuschung, wenn eine Aktion nur wenig Beachtung findet

Die IB versucht sich entgegen aller begründeten „Nazivorwürfe“ immer wieder als „neurechts“ oder „patriotisch“ zu branden. Über einen moderat klingenden Sprachgebrauch, der das rechtsextreme Gedankengut gekonnt verschleiert und paraphrasiert, sollen fremdenfeindliche, antifeministische und antisemitische Einstellungen wieder salonfähig gemacht werden. Dieser Sprachgebrauch ist das verbindende Element zwischen alter Ideologie und neuer „Verpackung“. Universale Menschenrechte, die im Gegensatz zur fremdenfeindlichen Ideologie des Ethnopluralismus stehen, werden abgelehnt. Stattdessen wird ein völkischer Nationalismus propagiert. Trotzdem geben sich die Identitären größte Mühe, nicht im bekannten rechtsextremistischen Sinne aufzutreten. Ihr öffentliches Auftreten ist vielmehr durch popkulturelle Aspekte, Aktionismus, Jugendlichkeit und eine professionelle Außendarstellung geprägt.

Der Aktionismus und seine mediale Vermarktung stehen im Vordergrund des politischen Handelns. Entscheidend für den Erfolg der Aktionen der IB ist nicht der reale Wert, sondern die digitale Verwertbarkeit und die damit generierte Aufmerksamkeit. Intern wird dies als „Schock- und Sympathieaktionen“ verkauft, mit der man Öffentlichkeit generieren solle. Mittlerweile ist den jungen Rechtsradikalen der Sprung auf die Straße mit zunehmend öffentlichkeitswirksamen Aktionen ansatzweise gelungen. Dabei haben sie sich bei den subversiven Aktionsformen der Linken bedient. Zu den Aktionsformen gehörten beispielsweise zeitweilige Besetzungen, ebenso wie ein Straßentheater mit einer gespielten Enthauptung, aber auch Störungen von internationalen Festen oder das Anbringen von Schildern mit der Aufschrift „Achtung Vergewaltigungsgefahr“ an Flüchtlingsunterkünften. Die Aktionen sind sorgfältig geplant, müssen von „oben“ abgesegnet werden und verfolgen das Ziel, rechtsextreme Ideen, Parolen und Bilder zu einem viralen, medialen Hype aufzublasen und in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Wie dem Strategiepapier zu entnehmen ist, wird dies intern auch ganz deutlich formuliert: „Das Ziel einer jeden Aktion ist, das Bild zu erschaffen, das für eine klare Idee steht.“

Die neue Generation der Neuen Rechten nutzt popkulturelle Bezüge in zweierlei Hinsicht. Zum einen bedienen sie sich bereits bekannter popkultureller Aspekte aus Musik, Film und Kunst (z.B. in Form von Stickern, Logos, T-Shirts). Zum anderen nutzen sie diese Ausdrucksformen, um eigene Produktionen mit popkulturellen Bezügen (z.B. in Form von Merchandise, Musik, Videos) als Teil der Kommunikation und Außendarstellung zu nutzen. Ziel ist es, damit vor allem Jugendliche und junge Erwachsene anzusprechen und gleichzeitig einen modernen, unverfänglichen Schein zu wahren.

Die optische und ästhetische Nähe zu Lagern der Hitlerjugend wurde nicht ganz zufällig gewählt


Ihren bisherigen Erfolg verdanken die Identitären darüber hinaus einer professionellen Außendarstellung über den massiven Einsatz neuer Medien. Die Identitären nutzen zur Verbreitung ihrer Aktionen und Ansichten eine eigene, einfach gehaltene Corporate Identity, welche für einen möglichst großen Wiedererkennungswert sorgt. Fotos entstehen nicht zufällig, sondern werden von einem Medienteam erstellt und bearbeitet. Darüber, wie diese Fotos auszusehen haben, gibt das interne Strategiepapier der IB Schwaben Aufschluss: Fotos eigener Aktionen und Aktivist*innen sollen „Macht, Kraft und Sieg symbolisieren“ mit „Massen und Fahnen“, die „Opferbereitschaft und die Stärke des Geistes zeigen.“. Für ihre Gegner wünschen sich die Rechtsextremen hingegen „Entsetzen, Demütigung und Wut“. Anders als ihre deutlich älteren Vordenker aus der Alten und vor allem Neuen Rechten, nutzen die jungen Rechtsradikalen abgesehen von Flyern kaum Printmedien, sondern bedienen sich der vielfältigen Kommunikationswege, die das Internet bietet. Dazu zählen Text- und Videoblogs, Musikvideos auf Youtube aber auch die sozialen Netzwerke wie Facebook, Instagram und Twitter. Jugendgerecht, modern und unverfänglich verbreiten einige rechtsextreme IB-Kader dort ihre rassistischen, antisemitischen oder verschwörungstheoretischen Inhalte. Auch hier geht es den Identitären um das Feld der Metapolitik: Sie möchten auf politische Debatten einwirken, eine rechte Prägung von Begriffen und Bildern vorantreiben, sowie emotionalisieren.

Identitäres Repertoire: Außendarstellung, Ideologie, Straßenkampf

Die Identitäre Bewegung gibt sich gerne jugendlich und richtet sich nach eigenen Angaben an junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren. Sympathien genießt sie zwar auch darüber hinaus, wer allerdings aktives Mitglied werden möchte, sollte in diesem Altersspektrum liegen. Für die Neue Rechte, die sich zuvor aus älteren „Rechtsintellektuellen“ und „Alten Herren“ rechtsextremer Burschenschaften zusammensetzte, ist sie daher ein Jungbrunnen. Die bekannten Kader und Wortführer der IB sind meist zwischen 25 und 30 Jahren alt. Trotz ihrer neokonservativen bis faschistoiden Ideologie Ideologie nutzen die Identitären ganz gezielt die sozialen Medien, um junge Menschen anzusprechen. Bei der Ästhetik von Blogs, Videos oder Merchandise-Artikeln (T-Shirts, Aufkleber, Plakate) wird auf eine moderne, jugendliche Aufmachung geachtet. Im internen Strategiepapier findet man dazu die vielsagende Passage, dass vor allem „junge Menschen (Frauen)“ für die „Bewegung“ gewonnen werden sollen. So gesehen können die Identitären als eine Art Weiterentwicklung der Autonomen Nationalisten betrachtet werden, die bereits in den 2000er Jahren versuchten, über eine jugendliche und moderne Inszenierung anschlussfähig zu werden und das altrechte Image von springerstiefeltragenden Glatzen abzulegen.

Kampf, Hass und poppig und intelektuell verpackt

Ein weiteres zentrales strategisches Element der IB ist die bewusste Einnahme einer Opferrolle. Die selbsternannte „Jugend ohne Migrationshintergrund“ inszeniert sich dabei als Opfer politischer Gegner, Geflüchteter oder von Migration allgemein. Dieser vermeintliche Angriff auf das wahlweise Deutsche , Europäische oder Abendländische besteht dabei allein aus der bloßen Anwesenheit von Nichteuropäern. Dadurch wird jeder dieser Einwanderer automatisch zum Feind erklärt. Der Versuch, sich im Gegensatz selbst als „die Guten“ darzustellen, scheitert jregelmäßig an der Realität. Die zahlreichen Fälle von verbaler und körperlicher Gewalt seitens Mitgliedern der Identitären Bewegung werden entweder verschwiegen oder mit ihrer Rolle als Opfer gerechtfertigt. Die Rechtsextremen rechtfertigen ihre Gewalt jedoch nicht nur mit ihrer Opferrolle, sondern erzeugen durch aufgeblasene Bedrohungsszenarien wie dem „großen Austausch“ eine vermeintliche Gefahr für die weiße, europäische Bevölkerung mitsamt ihrer Kultur.

Untergangsstimmung, Panik und Angstmacherei – Identitäre gefallen sich in der Rolle des Opfers

Die Antwort auf diese vermeintliche Bedrohung liefern die jungen Rechtsradikalen gleich mit, indem sie interne Wehrsportübungen und Selbstverteidigungstrainings durchführen, um einen Wiedereroberungskampf (Reconquista) gegen den „immer brutaleren Multikulti-Alltag“ voranzutreiben. Das gewaltvolle Vorgehen gegen politisch Andersdenkende und Migranten wird nach Logik der Identitären damit als reine Notwehr abgetan. Diese „Notwehr“ forderte bereits zahlreiche Opfer. Weiterhin erfüllt das Einnehmen der Opferrolle den Zweck, die Opferbereitschaft der eigenen Mitglieder zu erhöhen, um weiterhin mehr Opfer für die „Bewegung“ zu erbringen.


Quellen und Verweise

https://www.endstation-rechts.de/news/kulturrevolution-von-rechts-mit-der-metapolitik-an-die-macht.html

https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2016/maerz/das-alte-denken-der-neuen-rechten

http://www.sueddeutsche.de/kultur/nationalismus-was-das-volk-von-der-nation-unterscheidet-1.3159821-2

https://www.welt.de/politik/deutschland/article165579826/Salonfaehiger-als-der-klassische-Rassismus.html

https://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/identitaere-bewegung-mit-aktionismus-die-koepfe-erobern-ld.133994

https://www.welt.de/regionales/hamburg/article157714374/Der-popkulturelle-Arm-der-Rechtsradikalen-breitet-sich-aus.html

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-04/identitaere-bewegung-rechtsextremismus-neonazis-mitglieder/seite-3

http://www.belltower.news/artikel/identitare-aus-den-sozialen-netzwerken-auf-die-stra%C3%9Fe-82821

https://www.zdf.de/nachrichten/heute-plus/identitaere-haben-gesammelt-100.html

http://www.zeit.de/kultur/musik/2018-01/identitaere-bewegung-neue-rechte-musik-komplott-popkultur-musik

Identitäre Bewegung: Braune Wölfe im Schafspelz

Weiß, Volker (2017): Die autoritäre Revolte