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Die Identitäre Bewegung geht ab 2012 nach dem Vorbild der französischen „identitaires“ strukturell aus der „Neuen Rechten“ hervor. In Österreich und Deutschland sind die Personen Götz Kubtischek, Martin Sellner und Martin Lichtmesz maßgeblich für den Import des Identitarismus verantwortlich. Das zeitgenössische, medienaffine und hippe Auftreten der jungen Rechten sorgt ab 2014 gesellschaftlich für Schlagzeilen und Irritationen, da sich zunächst verbal von Neonazismus und Nationalsozialismus abgegrenzt wird. Das ändert sich bald darauf. Nachdem Strippenzieher, Netzwerke und Ideologie der Identitären entlarvt wurden, wird auch die Mimikry zunehemend aufgegeben.

Toni, der in der Anfangszeit der Identitären zu ihnen stößt und mittlerweile lange als Aussteiger zu bezeichnen ist, gibt einen subjketiven Einblick in das Innenleben der damals entstehenden Identitären Bewegung. Wir konnten ihn für ein ausführliches Interview gewinnen:

 

1.      IB-Doku: In welchem Landesteil warst du aktiv?

Toni: Aktiv war ich im Osten, in Brandenburg.

 

2.      IB-Doku: Welche bekannten Namen/ Kader waren zur Gründungszeit bereits aktiv und haben eine führende Rolle eingenommen?

Toni: Davon gab es zu Beginn nicht so Viele. Organisatorisch war es vor allem der Amerikaner Ben Augstin und Mitglieder der Burschenschaft Gothia in Berlin. In deren Räumlichkeiten fanden Treffen statt.

 

3.      IB-Doku: Was waren bundesweit „starke“ IB-Landesverbände, wer war tonangebend als Verband oder Person?

Toni: Zu Beginn war der Osten federführend, was Strukturen und Initiativen betrifft. Dies änderte sich jedoch später, da Personen umzogen oder auch wieder die IB verließen. Häufig waren Befürchtungen, es würde ein „Führer“ die Struktur an sich reißen. Der Schwerpunkt verlagerte sich in die westlichen Bundesländer, besonders Nordrhein-Westfalen. Sehr aktive Ortsgruppen gab es in Bochum und Hessen, die hatten aktive Zellen und haben mehr oder weniger ihr eigenes Ding gemacht: Aktionen, Wanderungen, kleine Werbevideos.

 

4.      IB-Doku: Wie stark war der Einfluss aus Österreich, so von Martin Sellner aber auch anderen führenden Köpfen?

Toni: Sellners Einfluss und Bedeutung für die IB war zu Beginn marginal. Sein YouTube-Kanal hatte nur ein paar Hundert Aufrufe und er wirkte in seinem Duktus arrogant und von oben herab. Kontakt hatte ich zu Edwin Hintsteiner, mit dem ich auch über Schwierigkeiten sprechen konnte. So gewannen Alt-Rechte und Ex-Nazis immer weiter an Einfluss. Im Westen arbeiteten Gruppen mit Nazis und Hools zusammen. Die österreichische IB hatte dennoch Vorbild, auch wenn die politischen Bedingungen in Deutschland anders als in Österreich waren. Generell waren Sellner und Hintsteiner gegen eine Zusammenarbeit mit Alt-Rechten. Schon allein das Motto damals „Nicht Rechts, nicht links – Identitär“ entsprach nicht der teilweise stattfindenden Praxis. Gerade dieser Slogan hat viele Menschen zur IB gebracht. Die zahlreichen Anfragen konnten aufgrund der fehlenden Strukturen gar nicht beantwortet werden.

 

5.      IB-Doku: Noch mal zu den Anfängen. Kannst du die Gründungsphase der IB ausführen?

Toni: Bei mir fing es mit Facebook an. Es gab einige tonangebende Menschen, aber die agierten mehr oder weniger anonym. Manche Leute verschwanden auch wieder schnell, weil der Druck zu groß wurde. Es gab damals verschiedene Orgatreffen in Berlin und im Westen. Vom Westen ging dann auch der Aufbau der IB aus. Ich glaube, Fulda war da federführend, zumindest fand dort ein großes Orgatreffen statt. Sicher bin ich mir aber nicht mehr.Zu Beginn konnte nicht von einer langfristigen Struktur gesprochen werden. Ständig kamen neue Leute dazu und es gab kleinere Grabenkämpfe, die später auch sich vertieften. Meist ging es um die ideologische Ausrichtung der IB. Die Rechtskonservativen gewannen diesen Konflikt. Selbst Sellner hat sich zu der Zeit meiner Meinung nach stark radikalisiert. Er trat damals als einer der Liberalsten auf und distanzierte sich vehement von Nazis. Als er merkte, dass diese „Distanzeritis“ bei der Zielgruppe, also jungen, weißen und konservativen Männern, nicht gut ankam, änderte sich das auch. Sellner merkte, woher das Geld kam und das die „bürgerliche Mitte“ ohnehin für die Rechte kaum erreichbar war. Wirken (Ex)-Nazis in der Organisation mit, ist so ein Vorhaben eben schwer.

 

6.  IB-Doku: Welche Rolle spielten Frauen zu Beginn der IB? Wie war das Geschlechter- und Familienbild?

Toni: Aus meiner Sicht, ist das wie bei allen rechten Gruppen: Zu wenig Frauen, die dann „belagert“ werden. Diese wurden dann auch gern in repräsentativer Funktion in die erste Reihe gestellt, um das Bild z.B. auf Demos zu entschärfen und nicht so radikal zu wirken. Es ging vor allem um Anschlussfähigkeit. Da die Identitären sich einen „intellektuellen“, elitären Anstrich geben, fühlten sich mitunter auch Studentinnen angezogen. Das waren vereinzelt andere Frauen wie man sie aus Nazikreisen kennt, also eher aus dem Bildungsbürgertum. Natürlich wird in rechten Kreisen die Frau immer als Sinnbild für Familie und Fortbestand des Volkes angesehen. Zu Beginn war es noch so, dass es einige liberale Leute gab, die das entspannter gesehen haben und vor einem neoliberalen Hintergrund durchaus auch Frauen eine Karriere zugestanden. Es gibt Leute, z. B. in der AfD, die ein Frauenbild aus den 1950ern Jahren vertreten. Aber eben auch solche, die bewusst im akademischen Milieu anzusiedeln sind. Das sind dann mitunter Leute, die ein aufgeklärtes und liberales Geschlechterbild haben jedoch zugleich gesellschaftlich antiliberale und martkradikale Positionen vertreten. 

 

7.      IB-Doku: Welchen Einfluss hatte Götz Kubitschek, der ja immer so als ein Spiritus Rector der IB in der Öffentlichkeit gilt und sich auch so präsentiert? Organisierte er Treffen und erstellte er Strategien?

Toni: Nicht das ich wüsste. Meines Wissens nach schaute er skeptisch auf die IB. Kubitschek hatte früher auch eine kleine Aktionsgruppe, die „Konservativ-Subversive Aktion“. Mit der Gruppe störte er Veranstaltungen der Links-Partei. Dabei wurde auch „Scheiß Sozialisten“ gerufen, was uns damals als Nationalbolschewisten bzw. Nationalrevolutionäre massiv negativ triggerte. Für uns war Kubitschek nur ein Wutbürger. Später bei der IB war es egal. Obwohl er eine wichtige Rolle beim „Institut für Staatspolitik“ hatte, hielt er sich meines Wissens zurück. Dass er im Hintergrund Einfluss nahm, kann ich jedoch nicht ausschließen. Öffentlich ist er jedoch nie mit der IB aufgetreten.

 

8.      IB-Doku: Welche Schriften und Bücher waren für die IB wichtig? Gab es konkrete Leseempfehlungen? Und habt ihr auch linke Literatur gelesen?

Toni: Verbote gab es keine. Ich konnte Marx oder Michael Albert (Parecon) vorschlagen. Alles konnte und durfte diskutiert werden. Das war ähnlich wie in den früheren linken Zeiten. Wir hatten sogar einige ehemalige Antifas, die Antideutsche, aber nicht die Elsässer-Linie, oder Antiimps waren. Einer von denen plädierte sogar für einen „identitären Kommunismus“ und fand Spaß dabei, „links-sozialistische“ Bilder zu erstellen oder auch Antifa-Logos wie „Antifaschistische Aktion“. Als alter „Nazbol“ ging mir da das Herz auf und man konnte gegen die gutbürgerlichen Rechtskonservativen sticheln, die hinter der Antifa das pure Böse vermuteten. Vor allem wurde Alain de Benoist, Evola und alles was in Richtung der Neuen Rechten, Esoterik, Faschismus und Casa Pound ging, gelesen. So Gabriele D’Annunzio, Ernst Jünger und Ernst Niekisch. Auch die Autoren fand ich als alter Nazbol spannend. Wir haben sogar Texte aus der nationalrevolutionären Richtung vorgeschlagen. Das Credo „Nicht rechts, nicht links“ galt damals noch eine Weile, auch für Literatur. Sonst hätte ich da nicht mitgemacht. Ich dachte wirklich, dass man bei der IB eine dritte politische Strömung finden kann. Nicht wie der „Dritte Weg“, die sich zwar auch „nationalrevolutionär“ nennen, aber beinharte Nazis sind.

 

9.      IB-Doku: Wie war die ideologische Ausrichtung der IB? Reichte das Spektrum von altrechten bis libertären Positionen? Bestanden Kontakte zu Neonazis, anderen rechten Parteien und zur AfD?

Toni: Ja, genau die Positionen umfasste das Spektrum. Aus der altrechten Strömung kamen immer mehr Leute, die auf den Nationalen Widerstand keinen Bock mehr hatten und was Neues gesucht haben. Die waren häufig ideologisch gefestigt. Zu uns kamen auch 16jährige Idealisten, die politisch aktiv sein wollten, heimatverbunden waren und die eine pragmatische Politik für den Kiez, die Heimat oder Stadt machen wollten. Die hatten kaum eine Chance gegen einen 28jährigen, der vorher in der Neonaziszene aktiv war. Das war allgemein ein Problem. Nachdem ich alles am rechten Rand und im „national/patriotischen“ linken Lager gesehen, reagiere ich heute allergisch, wenn jemand von „Deutschland“ spricht. Meist kommt da nie was Gutes bei rum. Da gibt es dann so Elfenbeintheoretiker, wie mich damals, die in ihrem kleinen „Nazbol“-Netzwerk gegen Anti-Nationale, Nazis, Bürgertum und Staat kämpfen wollen. Das war so lächerlich, wenn man nur Feinde kennt. Das ist das Schlimme an Ideologien und Extremismus. Man glaubt tatsächlich, dass man den Menschen einen Mehrwert, eine Verbesserung für ihr Leben bietet. Aber es ist eher andersrum.

 

10.  IB-Doku: Wie würdest du aus ideologischer wie auch aktivistischer Sicht, die Entwicklung skizzieren?

Toni: Obwohl einige IBler mit der frühen AfD unter Bernd Lucke sympathisierten, gab es wenig Zusammenarbeit aufgrund eines Unvereinbarkeitsbeschluss. Die AfD war damals ja auch eine junge Partei und die IB begriff sich als Struktur, die den „vorpolitischen Raum“ erobern wollte. Das wäre auch mit den vielen jungen und engagierten Leuten möglich gewesen, ist aber durch den Einfluss ehemaliger Nazis torpediert worden. Zuerst lachten sie über die IB, hatten aber gleichzeitig wenig Einfluss in der Neonaziszene. Die begannen die IB in ihrem Sinne quasi zu kapern und umzugestalten. Man musste sich nicht wundern, wenn Ortsgruppen 80% aus ehemaligen Nazis bestanden, dass dann kaum bürgerliche Kids nachrücken und das „die Antifa“ natürlich ihre Pappenheimer kennt. Und wenn man als IBler zwar auftritt, politisch „Nicht rechts, nicht links“ fordert, aber dann mit alten Nazikumpels zum Fußball oder eine Demonstration fährt, muss man sich nicht wundern als „hart rechts“ eingestuft zu werden. Man versuchte sich beispielsweise aus dem Nahost-Konflikt herauszuhalten und wirklich die ideologischen Scheuklappen abzulegen. Eben was Neues zu machen. Realistisch war das unmöglich. Irgendwann beginnt einer im Teamspeak von der Wehrmacht zu schwärmen. Man gewinnt den Zweiten Weltkrieg doch am grünen Tisch. Es gab damals auch sozialkritische Themen, wie die Hampelmann-Aktion im Alexa oder auch die Aktion „Homo Economicus“, wie dieses Video zeigt. Das war tatsächlich ernst gemeint. Aber nach gut einem Jahr war für mich Schluss. In Brandenburg hatte das Konzept kaum Erfolg. Die wenigen Aktivisten kamen gegen die kleine aber in sich geschlossene Neonaziszene nicht an. Auch wurde man von Linken als Bedrohung gesehen. Das war nicht überraschend, wenn man bestimmte Leute und Ex-Nazis nicht ausschließt oder den „Volkstod“ als größtes Problem propagiert statt Mängel des Kapitalismus anzusprechen, die soziale Marktwirtschaft zu erhalten und bestimmte Arbeiterinteressen von heute mitzutragen.Wichtig war das Thema „Rassismus gegen Deutsche“, was man besetzen wollte. Dabei sollten Probleme mit migrantischen Jugendlichen und „Clans“ skandalisiert werden. Aber wie ihr gesehen habt, wurden dann mit Spendengeld Schiffe gemietet, um im Mittelmeer wehrlose Flüchtlinge auf den Weg nach Europa zu hindern. Diese Symbolpolitik hat mehrere tausend Euro verbrannt, um auf ein Symptom aufmerksam zu machen. Ich dachte nur: Himmelherrgott, selbst Axel Reitz hat in seiner Zeit als Nazi schon erkannt, dass das Problem nicht der Mensch an sich ist, der nach einem schöneren und sicheren Leben strebt und gerne in ein Land kommt, das seiner Familie eine Perspektive geben kann. Sondern es ist ein politisches Problem. Man hätte gleich mehr Geld für Aufbauarbeit in die Hand nehmen sollen und sich beispielsweise in einem Dorf in Syrien langfristig und ernsthaft Infrastruktur aufzubauen. Oder man hätte Schlepperbanden ausfindig machen können. Oder die für diese Umstände verantwortlichen Politiker. Schlepperbanden und Menschenhändler wissen genau, wo im Mittelmeer Schiffe von NGOs kreuzten und setzten die Menschen in kaputte Boote bzw. haben denen auch die Motoren von den Schiffen abgenommen. Die NGOs retteten die Menschen wenig später oder die Menschen ertranken. Das war eine bewusste, durchaus tödliche Kalkulation dieser Schlepper. Da hätte die IB ansetzen können, dieses Verhalten dokumentieren und stören können. Aber lieber hat man nach unten getreten und sich als tougher Schiffskapitän inszeniert, indem man den verzweifelten Menschen in ihrer aussichtslosen Lage ein Banner mit dem Schriftzug „You wont make Europe your home“ vorzuhalten. Ich habe mal gehört, dass alleine der Bootstrip, mehrere zehntausende Euro an Spendengeldern gekostet hat. Das war menschenfeindlich und egozentrisch, aber auch nach meiner Zeit. Die Selbstinszenierung der IB-Gruppe „Alternative Help Association“, die sich im christlich geprägten Maalula (Syrien) als Hilfsorganisation aufspielte, flog bald auf und nach 2-3 Besuchen war diese Feigenblatt-Aktion auch schon wieder beendet.

 

11.  IB-Doku: Wie wurde das Thema Gewalt intern behandelt?

Toni: Gewalt wurde abgelehnt und war anfangs kein Thema, da man noch nicht beim politischen Gegner groß aufgefallen war. Antifa-Gruppen haben zwar gewarnt, wussten aber noch nicht, wie sie die IB bewerten und einordnen sollten. Das änderte sich aber recht schnell als Identitäre angegriffen wurden. Man organisierte dann Boxtraining und Fitness usw. Im Westen waren einige Hools und alte Nazischläger dabei. Aber offensive Gewalt wurde dennoch damals abgelehnt. Die IB wollte ja nicht primär die Linken bekämpfen, sondern auf Probleme aufmerksam machen. Also eine strikte Anti-Haltung gegen Linke gab es zu Beginn nicht. Das hat sich aber wenig später auch deutlich geändert. Und die IB hat dann auch mit dem Credo „Nicht rechts, nicht links“ gebrochen. Die Etikettierung „Neu-rechts“ wurde auch allgemein akzeptiert und schließlich notgedrungen hingenommen. Das geschah aber auch zu einem Zeitpunkt, als ich nicht mehr aktiv war.

 

12.  IB-Doku: Über welche Kanäle wurde kommuniziert?

Toni: Wir haben uns häufig über Facebook miteinander getroffen und auch vernetzt. Dazu gab es ein Forum. Aber auch der Teamspeak und Skype waren Wege, in Kontakt miteinander zu bleiben.

 

13.  IB-Doku: Gab es Spender*innen? Woher kam das Geld für große Aktionen?

Toni: Das Geld kam von den Aktivisten selbst, von „alten Herren“ aus Burschenschaften oder auch anonym. Wer da im Hintergrund spendete, weiß ich nicht. Das waren Leute, die auf keinem Fall in der Öffentlichkeit auftauchen wollten.

 

14.  IB-Doku: Wo hat die IB ihre Plakate, Flyer, Sticker und anderes Material drucken lassen?

Toni: Zunächst bei lokalen Druckereien. Die ersten Bestellungen haben auch wenig Aufmerksamkeit erregt. Und Druckereien interessieren sich sehr wenig für den Inhalt eines Auftrages. Wichtig war die Bezahlung. Später wurde es schwieriger, aber da fanden sich auch immer Unternehmen. 

 

15.  IB-Doku: Welchen Einfluss hatte die Spendenaffäre um Sellner mit dem Attentäter von Christchurch?

Toni: Der Amoklauf von Christchurch in Neuseeland und die vom Attentäter an Sellner und die französischen Identitären getätigten Spenden haben ihnen das Genick gebrochen. Sellner war nun in Verbindung mit einem Terroristen und die IB wurde als potentielle rechtsterroristische Zelle medial abgestempelt. Aber im Endeffekt hat dieser Verbrecher es geschafft, den schwachen Neurechten den Todesstoß zu versetzen. Denn obwohl die IB sprachlich immer radikaler wurde, also vor allem durch die Agitation des „Großen Austauschs“, womit wieder mit dem Gefühl der Angst gearbeitet wurde, war sie weniger gewaltbereit als die klassische Neonaziszene. Dieser Umstand hat der Attentäter von Christchurch auch immer an der IB kritisiert.  

 

16.  IB-Doku: Du sagtest, Sellner war am Anfang gar nicht so bedeutend. Das änderte sich jedoch und er wurde eine wichtige Person für die IB und trug auch zur Radikalisierung bei. Wie siehst du seine Rolle innerhalb der IB? Vor allem nach dem Attentat von Christchurch.

Toni: Sellner hat es leider versäumt, sich selbst zu reflektieren und welchen Einfluss er hatte, warum sich junge Männer radikalisierten. Er motivierte seine Zuschauer eher dazu, radikaler zu denken und auch zu handeln. Er versteifte sich bei seiner Verteidigung eher darauf, dass er für Spenden an ihn ja nichts kann und dass der Typ genau das erreicht hatte: die „weichen“ Rechten sollen radikaler agieren und zur direkten Aktion übergehen. Aber durch diese Verbindung wurde Sellner massiv die Reichweite genommen und er selbst wurde damit auch radikaler in seiner Ansprache, um wenigstens einen Bruchteil der Aufmerksamkeit zu bekommen. Das nahm ja schon den Status des Bettelns an. Und die IB hat damit junge Leute verführt, die sich immer weiter nach rechts orientierten. Was ich der IB vorwerfe, ist, dass sie massiv junge Leute verbrannt hat. Die IB hat nichts Positives beitragen können.

 

17.  IB-Doku: Kannst du den letzten Punkt ausführen?

Toni: Es ist eben oft der Fall, wenn Leute insbesondere im deutschsprachigen Raum von „Deutschland“ reden, landen sie in einem abgeschlossenen Zirkel von Elfenbeinturmtheoretikern oder Radikalinskis. Die haben auch kein Problem mit einem Bernd Höcke und anderen autoritären Nationalisten, im Gegenteil. Es ist mir unbegreiflich, wie man solchen Aussagen folgen kann. Da wird von „Volksteilen“ gesprochen, die man verlieren müsse, weil sie zu schwach oder nicht willens sind, die geforderte Leistung zu bringen. Diese Aussagen kommen in solchen Zirkeln vor. Das bleibt für mich ein Rätsel.Wenn ihr euch mal die Videos von dem IB-YouTube-Kanal anschaut, der oben verlinkt ist, wird häufig ein positiver Vibe durch Musik und Schnitttechnik vermittelt. Da ist kaum „Angstarbeit“ dabei. Aber dann hat man angefangen, emotionale Videos, die der französische Ableger produzierte, zu kopieren. Dort wird erklärt, dass man schon für die Frage nach einer Zigarette, die man negativ beantwortet, getötet werden kann. Also so was kann vorkommen, egal von wem. Jedoch ist Angstarbeit langfristig immer scheiße und negativ und die Leute radikalisieren sich schneller.

 

18.  IB-Doku: Wie siehst du die zukünftige Entwicklung der Identitären Bewegung und ihrer Ideologie?

Toni: Mal sehen, was passiert. Ich denke, es wird sich nichts ändern, da die Leute, die jetzt nach 10 Jahren immer noch dabei sind, das Projekt irgendwann still und heimlich verlassen. Man hatte das große Ziel, ein „patriotisches Greenpeace“ zu sein, welche durchaus auch kapitalismuskritisch ist bzw. nicht fundamental-ideologisch zu sein verworfen, für ihr rechtes Traumbild von einem Deutschland, dass niemals Realität wird und Realität werden darf. Wer einverstanden damit ist, „Volksteile zu verlieren“, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Ich denke, wir werden in weiteren fünf bis zehn Jahren noch weitere Aussteiger sehen, denn dann wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass man viele Jahre seines Lebens einfach weggeworfen und sich zudem die eigene Zukunft verbaut hat. Das wird nicht so unumkehrbar sein wie bei bekannten Nazigrößen, aber auch ein Sellner wird irgendwann selbstkritisch auf sein Leben schauen und sich fragen, was es gebracht hat, sich derart sektenartig in etwas zu verrennen und damit auch noch Teile der Bevölkerung zu radikalisieren und mitzureißen. Aus dem eigentlichen „positiven Gefühl“ von Heimat und dem Willen das Leben für alle in der Umgebung besser zu machen, haben sie innerhalb kurzer Zeit das Gegenteil gemacht. Gottseidank wird Faschismus nie wieder „fesch“ sein.Ich freue mich, dass ich euch helfen und einen Einblick die wirre Anfangszeit geben konnte.

IB-Doku: Vielen Dank für deine Zeit und die interessanten Einblicke in die Gründungsphase der IB und das Nachzeichnen ihrer anschließenden, auch offenen Faschisierung.