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Identitäre im Ruhrgebiet – radikal in die Bedeutungslosigkeit

„die IB rebranden“

Dem bundesweiten Trend zur Ausdifferenzierung des neurechten Milieus, einschließlich der Identitären Bewegung (IB), folgten auch im Ruhrgebiet gezwungenermaßen neue Strukturen. Dazu wurde Anfang Juli 2018 das extrem rechte Netzwerk „Defend Ruhrpott“ (DR) gegründet. DR ist ein Zusammenschluss der verschiedenen Ortsgruppen der Identitären Bewegung im Ruhrgebiet. Der nach knapp zwei Jahren ihrer Existenz übrig gebliebene harte Kern der jeweiligen IB-Ortsgruppen Dortmund, Hagen, Bochum, Essen und Duisburg ist in dieser neuen Struktur aufgegangen. Damit unternimmt die IB im Ruhrgebiet den Versuch, sich unter einem anderem Namen neu zu branden, damit durchgeführte Aktionen nicht mit dem bereits vielerorts verbrannten Namen „Identitäre Bewegung“ in Verbindung gebracht werden.

 

Kernschmelze der IB im Ruhrgebiet

Flyer Rückseite

Die neue Ruhrgebietsgruppe startet damit zwar mit einer überschaubaren Anzahl an jungen Rechten, jedoch mit einiger Vorerfahrung und zunehmend radikal auftretenden Führungskadern. Im Ruhrgebiet gehören ca. 15 Identitäre zum Kreis der Aktiven. Für Aktionen werden, wie in der Vergangenheit auch, IB-Kader aus ganz NRW zusammengezogen, sodass Aktionen mit bis zu 30 Personen durchgeführt werden können. Leiter von DR ist der Essener Marius König. Ebenfalls zum harten Kern von DR gehören seine Freundin Melanie Schmitz, die seit ihrem Rückzug aus Halle wieder in Essen wohnt, Falk Schakolat, der gewaltaffine Ex-Hooligan Bastian Hans (beide Bochum), der Weseler Kai Alexander Naggert und der in Duisburg wohnhafte Dominic Müller. Gab sich die IB Im Ruhrgebiet zuvor als bürgerlich, „demokratisch und friedlich“ (Marco Müller, IB-Bochum, 2017) bezeichnet sie sich nun offen als „rechts“, sucht bei Überzahl die körperliche Auseinandersetzung, während Mitglieder in Klamotten der faschistischen Casapound posieren und sich offen rassistisch und antisemitisch äußern (s.u.). Aktivitäten entwickelte DR unregelmäßig. Mit einiger Mühe und Unterstützung von Identitären aus dem gesamten Bundesland schafften es die Identitären im Ruhrgebiet monatlich zu einer größeren Aktion. Die mediale Reichweite blieb jedoch gering und konnte nie an die Vorjahre anknüpfen, was für die medienaffine IB ein existenzielles Problem darstellt. Aufklärung in Form von Kampagnen und Vorträgen über das „neue“ rechte Phänomen sorgte schließlich dafür, die IB klar als extrem rechte, neofaschistische und sexistische Gruppierung zu markieren und politische Raumnahme von rechts zu verhindern. Aktuell sind die Aktivitäten von DR seit mehreren Monaten eingeschlafen, jedoch sind einzelne Kader im extrem rechten Milieu aktiv. Umfassendere Infos zu „Defend Ruhrpott“ gibt es hier: https://identitaereinbochum.noblogs.org/defend-ruhrpott/

Bastian Hans der als Hooligan MMA und BJJ trainierte, macht nun Identitäre für den „Tag X“ fit (IB-Mobivideo Halle)

 

Perspektiv- und zunehmend bedeutungslos

Weniger Inhalt, mehr Pose

Das Auftreten, die Rhetorik und die Außendarstellung der Gruppe hat sich seit ihrer Gründung immer weiter radikalisiert. Als die Identitären um 2016 ihre ersten Aktivitäten im Ruhrgebiet entfalteten, versuchte sich die damalige Gruppe um Marco Müller sehr vorsichtig und gewählt auszudrücken und war stets darauf bedacht, als „demokratische und gewaltfreie“ Gruppierung wahrgenommen zu werden. Diese Außendarstellung haben die Identitären im Ruhrgebiet, die nun unter dem Namen „Defend Ruhrpott“ firmieren, mittlerweile aufgegeben. Die Außendarstellung der IB im Ruhrgebiet trägt seit einiger Zeit die Handschrift des Ex-Hooligan Bastian Hans, der 2017 nach Bochum zog. Zuvor war er bereits bei der IB in Münster aktiv. In Münster und nun auch im Ruhrgebiet führt er regelmäßige Trainings für die IB durch, um diese für den Straßenkampf auszubilden.

Identitärer Sprüher outet sich als Fan der kanadischer Rapcombo „Stompdown“

Das Auftreten von DR besteht seitdem aus testosterongeladenen Mobfotos, Kampfsporteinlagen und Graffiti, wie zuletzt im Mobilisierungsvideo für die gescheiterte IB-Demonstration in Halle. Die Außendarstellung ähnelt dabei eher klassischen Neonazi-Kameradschaften zu Zeiten der Autonomen Nationalisten und hat den identitären Weg einer „elitären, rechtsintellektuellen Jugendbewegung“ längst verlassen.

Action und Gewalt – Mobivideo für Halle

Dazu fehlt der IB im Ruhrgebiet auch das Personal. Die weiteren Gründe für die innere wie äußere Radikalisierung ab Ende 2018 sind vielseitig. Zum einen wurde der menschenverachtende ideologische Kern der IB immer deutlicher herausgeschält; die „unschuldigen“ Anfangsjahre der IB waren damit vorbei. Die Narrative der IB verfingen medial nicht mehr und wurden schließlich von eigenen Gewaltakten, der Verbindung zum Rechtsterrorismus (Christchurch, El Paso) und der Einstufung als „rechtsextremistisch“ durch den Verfassungsschutz ad absurdum geführt. Zum anderen nahm gleichzeitig die mediale Wirksamkeit rasant ab.

DR bei der missglückten IB-Demo in Halle am 20.07.19

Durch Recherche, Dokumentation, Monitoring und Aufklärung wurde über die (sozialen) Medien ein Gegengewicht gebildet, sodass die IB deutlich als das markiert wurde, was sie ist: eine extrem rechte, und im Kern neofaschistische Gruppierung. Hinzu kamen Deplatforming, zunehmend negative Schlagzeilen und in der Folge die Abnahme durchgeführter Aktionen. Insgesamt wurde in den letzten Monaten deutlich, dass die Identitären bei mittelfristigem Misserfolg und gesellschaftlichem Gegenwind zunehmend ihr „wahres Gesicht“ präsentieren und sich die aktions- und gewaltaffinen Kader auf regionaler Ebene durchsetzen.

IB-NRW „auf Auswärtsfahrt“ zur Demo nach Halle

 

Ruhrpott Roulette – Menschenverachtung als „Satire“

Nachdem sich die Identitären bereits im Juli 2018 zu einer Umstrukturierung gezwungen sahen, aus der „Defend Ruhrpott“ (DR) hervorging, wurde im Februar 2019 das Youtube-Format Ruhrpott Roulette (RR) ins Leben gerufen, um nicht vollständig in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Die Identitären von DR versuchen damit ganz im Sinne ihrer metapolitischen Agenda politische Statements im vorpolitischen Raum zu platzieren und einen rechten Lifestyle zu repräsentieren und zu normalisieren. Erneut wird aus taktischen Gründen auf einen direkten IB-Bezug verzichtet. Dem Zuschauer sollen die rassistischen, antisemitischen, frauenfeindlichen und transphoben Inhalte und Einstellungen der ProtagonistInnen als „Satire“ untergejubelt werden.

RR beim rechten Aufmarsch in Gladbeck am 06.04.19: Schakolat, Naggert und „Cassis“

Das RR-Team besteht neben den Protagonisten Naggert und König weiterhin aus Melanie Schmitz. Das Medienteam von RR, welches für Film, Ton und Bearbeitung zuständig ist, sind der Bochumer Identitären Falk Schakolat und der seit einigen Jahren aktive IB-NRW-Fotograf „Cassis“.

Gefällt sich als Führer: René Tutass aus Essen

Als gelegentlicher Komparse im Hitler-Verschnitt tritt der sich als Fotograf und rechter Rapper versuchende René Tuttass aus Essen auf. Während sich Naggert selbstverliebt in Szene setzt, wird Königs ausdruckslose, langweilige Art als „trockener Humor des Ruhrgebiets“ verkauft. Schakolat ist der peinliche Nebendarsteller und nützliche „Idiot“, der zusammen mit Cassis für die Nachbearbeitung zuständig ist. Erfahrung hat er darin bereits durch seine Zeit als anonymer Youtube-Hetzer mit dem Namen „Menschenverstandsradikalismus“ gesammelt. Weiterhin versucht RR über Merchandise-Artikel Geld zu generieren. T-Shirts und Sticker („Ich bin rechts“) wurden dafür zunächst über den Onlineshop „Cuneus Culture“, der von den Identitären Jannik Brämer und Karsten Vielhaber betrieben wird, angeboten. Zuletzt wechselten Naggert & Co mit ihrem RR-Shirt zum bekannteren Online Shop „Phalanx“, hinter dem der österreichische Identitäre Martin Sellner steckt, der Kontakt zum rassistischen Christchurch-Attentäter hatte.

Schakolat zeichnet verantwortlich für das RR-Konto

Die Videos erscheinen in unregelmäßigen Abständen und zeigen entweder sog. „Challenges“ oder umgedichtete Musikvideos. Bisher folgen RR durch ihre zehn inhaltlichen Videos etwa 14.000 Abonnenten. Am Ende jedes Videos folgen Spendenaufrufe u.a. über Paypal, Patreon und Subscribestar, wodurch Technik und Fahrtkosten finanziert werden. Insgesamt wird durch das Format RR deutlich, dass sich die Identitären im Ruhrgebiet von der „Straße“ zurück ins Virtuelle flüchten, um weiterhin Aktionismus und Wirkmächtigkeit zu suggerieren. Diese Wirkung entfaltet sich jedoch nur gegenüber der bereits bestehenden rechten, identitären Community. Durch Deplatforming ist eine vergleichsweise breite Streuung der Videos nur noch schwer möglich. Der Unterhaltungswert ist nur für Menschen mit einer bereits vorhandenen rassistischen, antisemitischen oder frauenfeindlichen Grundeinstellung gegeben. Selbst intern sind die moderne Ausrichtung, die plumpe Aufmachung und die enge Anbindung an den Mainstream nicht unumstritten.

Über Humor lässt sich streiten…

 

Identitäre reden Klartext: Rassismus, Antifeminismus, Antisemitismus und Transphobie

Bei den bisherigen Challenges versuchen die Protagonisten König und Naggert die beiden ausgemachten Hauptfeinde der Identitären, „Gutmenschen“ und „Muslime“, entweder durch ideologische Widersprüche oder mittels rassistischer Zuschreibungen ins Lächerliche zu ziehen. Beispielswiese wird GegendemonstrantInnen einer AfD-Demonstration in Salzgitter ein Migrationshintergrund unterstellt und ihre Anwesenheit mit den Worten: „Jetzt hamse auch noch das Flüchtlingsheim aufgemacht“ (König) und „angekarrte[n] Fachkräfte“ kommentiert. Bei weiteren GegendemonstrantInnen stellen sie Mutmaßungen über ihre sexuelle Orientierung an. Menschen, die sie als MigrantInnen ausmachen, wird als erstes die Frage gestellt, ob diese ein Messer bei sich führen. Sichtlich amüsiert bis offen zustimmend zeigen sich die beiden Identitären bei frauenfeindlichen und antisemitischen Antworten von Befragten. Bei der antisemitischen Antwort eines Interviewten wird das Video bewusst so bearbeitet, dass sich Wort „Jude“ mehrfach wiederholt. Dabei unternehmen die Identitären den Versuch Menschen mit Migrationshintergrund pauschal als frauenfeindlich und antisemitisch darzustellen, während eben diese Äußerungen wohlwollend bis zustimmend von den Identitären aufgenommen werden. Diese Anspielungen von Naggert und König werden von der rechten Community verstanden. Um einen Einblick in diese menschenverachtende Bubble zu bekommen, genügt ein Blick in die Kommentarspalte unter den Videos.

Wenn der Schuss nach hinten losgeht: Als König ein Shirt einer NSBM-Band trägt, schlägt ihm eine Welle aus Antisemitismus und Verschwörungstheorien entgegen. Rechtfertigung folgte sofort.

Die Provokationen gegenüber „Linken“ und „Gutmenschen“ laufen überwiegend ins Leere. So versuchen Naggert und König Holz- und Steinattrappen als Wurfgegenstände GegendemonstrantInnen einer Nazidemo anzudrehen, was entweder abgelehnt oder mit Humor genommen wird. Teilweise wird es aber auch expliziter. Ein Journalist, der sich gegen Nazis engagiert, wird abgefilmt, bedrängt und als „antifa Fotograf“ und Denunziant bezeichnet.

Kritische Journalisten für die IB Netzbeschmutzer

In einem anderen Video fordert Naggert von einem Straßenmusiker das NS-Marschlied „Erika“ zu spielen, während König einer kopftuchtragenden Muslima ungefragt erklärt, er sei rechts. Schließlich muss noch das rassistische Blackfacing der beiden beim Kölner Karneval erwähnt werden, welches die durchgehende rassistische Agenda von Ruhrpott Roulette unterstreicht. Am 18. Mai 2019 wurde RR von der AfD-Salzgitter zu einer Demonstration eingeladen, was diese dankend für ein Video nutzten. Abgesehen von der direkten Zusammenarbeit zwischen AfD und Identitären ist daran bemerkenswert, dass der AfD-Kreisverband Salzgitter selbst innerhalb der AfD als extrem rechts gilt und in der Vergangenheit kein Problem damit hatte zusammen mit NPD und Identitären zu demonstrieren. Weiterhin war der NRW AfDler Guido Reil zu der rechten Demonstration eingeladen, sodass dies als erste offene Kooperationt zwischen Identitären und AfD in NRW zu werten wäre, hätte Reil nicht kurzfristig abgesagt.

Blackfacing

Rechter Humor: Kommentar an die einzige Frau von RR. Ihr Freund König und Naggert finden´s lustig.

Noch deutlicher werden die menschenverachtenden Einstellungen der Identitären aus dem Ruhrgebiet bei den umgedichteten Popsongs. Melanie Schmitz rappt in ihrem „Hetztape“ für Deutschland davon, dass sie „deutsch und frei“ bleiben möchte und ihre Worte wie „deutschen Kampfpanzer“ „ballern“. Schließlich formuliert sie ihre Hassphantasien gegenüber Geflüchteten: „Kommt eine Nafri, geht es bambambambam“, während ihr Freund Marius König Faustschläge dazu imitiert.

Naggert vermummt im Musikvideo

Kai Alexander Naggert rappt im zutreffend benannten Musikvideo „Schlechtes Vorbild“ von „Ehre und Stolz“. In einer abrissreifen Industriehalle in Duisburg posiert er dabei zusammen mit vermummten Identitären aus dem Fußballmilieu gegen LGBTI („Wärst gern ´ne Frau doch jeder sieht, dass du ´ne Transe bist“) und Geflüchtete („sei nicht traurig, wenn ich dir jetzt dein Koffer packe, bist traumatisiert und stichst unsere Leute ab, ich scheiß auf Mitleid und Gefühl, schick dich in Einzelhaft“, „Ich hab kein Problem damit, dich Nafri abzuschieben, Guten Flug du Penner“). Inhaltlich angelehnt an deutschen Rechtsrock à la Landser und Co fordert er: „Wir müssen einfach den Germanen in uns rauslassen“. Beide Musikvideos wurden mittlerweile von Youtube gesperrt. Am 1. Juli fand bei Naggert eine Hausdurchsuchung statt, aufgrund seiner Teilnahme an einer Aktion der Identitären Bewegung auf dem Unicampus in Essen. In gewohnter IB-Manier stilisierte er sich im Anschluss als Opfer.

Umschalten von Angriffs- auf Opfermodus

Am 09. April 2019 gaben König und Naggert ein aufschlussreiches Interview mit dem extrem rechten Youtuber Oliver Flesch. Flesch wurde bekannt, als er mit Messer und Korkenzieher bewaffnet durch den linken Straßenzug der Rigaer Straße in Berlin lief und dort versuchte zu provozieren, schließlich aber von AnwohnerInnen in die Flucht geschlagen wurde. Auf die Frage, was er als erstes tun würde, wenn er an der Macht wäre, antwortet König: „Remigration“. Naggert ergänzt diese xenophobe Aussage damit, dass er die Sozialleistungen für alle Menschen mit Migrationshintergrund kürzen würde, um diesen die „Anreize zu nehmen“ in Deutschland zu bleiben. Weiterhin wünschen sich die Beiden einen Austritt aus der EU um „generell wieder ein Europa der freien und souveränen Völker zu haben.“ Einigkeit besteht auch bei einem generellen Kopftuchverbot und der „Pflicht eines jeden Deutschen“ Kinder zu zeugen. Der Nazi-Sprech als auch der Inhalt dieses unvorbereiteten Interviews wirkt dabei sehr entlarvend und verdeutlicht die von den beiden verfolgte Blut-und-Boden Ideologie.

Nach einer sechswöchigen „unangekündigten Sommerpause“ entschuldigten sich Naggert und König bei ihrer rechten Community und schoben einen unvorbereiteten Livestream Mitte September 2019 als Überbrückung ein. Dabei wurden neue Videos angekündigt, bevor das Niveau innerhalb der braunen Bubble rasch an Niveau verlor und in Rassismus und Sexismus versank.

Livestream: Rechtsintellektuelle unter sich

Eine Analyse

Die Mär von der gewaltfreien IB (Video „Schlechtes Vorbild“).

Insgesamt wird durch das Format RR deutlich, dass sich die Identitären im Ruhrgebiet von der „Straße“ zurück ins Virtuelle flüchten, um weiterhin Aktionismus und Wirkmächtigkeit zu suggerieren. Die Intention, über ein unverfängliches „Design“ und eine lockere, jugendliche Ausrichtung, junge Menschen für menschenverachtenden Inhalte zu gewinnen, misslingt bislang. Stattdessen entfalten die Videos ihre Wirkung überwiegend gegenüber der bereits bestehenden rechten, identitären Internet-Community, was die Kommentare bei Youtube bestätigen. Neue Zielgruppen werden mit den überwiegend langatmigen, unspektakulären Videos nicht gewonnen, stattdessen wird nach „innen“, im extrem rechten Teich, nach Anerkennung gefischt. Verkauft werden die Umfragen z.B. als heikel oder riskant, während das Videomaterial häufig eine weitaus langweiligere Sprache spricht. Die Witze wirken nur bei Menschen mit rechter Grundeinstellung. Für alle anderen wirken die Witze plump, flach und abstoßend. Der Unterhaltungswert ist offensichtlich nur für Menschen mit einer rassistischen, antisemitischen oder frauenfeindlichen Grundeinstellung gegeben. Doch selbst intern ist die Ausrichtung und die enge Anbindung an den Mainstream (Pop-Songs, lässige Sprache und Kleidungsstil) nicht unumstritten. Einigen Rechten und Identitären passt diese „dekadente“, moderne Form eines rechten Youtube-Formats nicht, die eben nicht zu einer „ehrlichen“, „noblen“ und „elitären“ Subkultur passt.

Weiterhin wird deutlich, dass die Videos inhaltlich eine reine Gegnerorientierung haben. Der Niedergang der Identitären hängt mit ihrer monothematischen Ausrichtung zusammen. Davon kommt auch das „neue“ Youtube-Format nicht hinaus. Die Hetze gegen Geflüchtete und den Islam stehen auch bei RR im Mittelpunkt. Hinzu kommt lediglich die Fokussierung auf den politischen Gegner, die aus rechter Sicht „SJW“ (Social Justice Warrior) heißen, also Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzten, was wiederum selbstentlarvend ist. Das Ergebnis der Videos zeigt sich in den Kommentarspalten am deutlichsten. Dort bricht sich der Hass der neurechten, identitären Community Bahn: Vergewaltigungsfantasien, White-Power-Rhetorik, Lob von Neonazis und Antisemitismus.

Unter den Videos von Ruhrpott Roulette brechen sich Hate-Speech und Menschenverachtung Bahn (Beispiel Video „Schwedische Flüchtlingsumfrage“)

Die Ästhetik der Videos, als auch die teils sehr eindeutigen Aussagen der Identitären überraschen nicht, stellen jedoch eine taktische Neuausrichtung dar und deuten auf eine Radikalisierung des verbliebenen harten Kerns der IB im Ruhrgebiet hin. Während sich die IB vor zwei Jahren noch größte Mühe gab, bürgerlich, gewaltfrei und damit anschlussfähig zu wirken, nehmen diese nun kein Blatt mehr vor den Mund und agieren ästhetisch und verbal gewalttätig und offen menschenverachtend. Mittels Insinuationen und Andeutungen versuchen Naggert, König und Schmitz ihre rechten Botschaften an die ZuschauerInnen zu bringen. Dabei werden stets die Grenzen des Sagbaren berührt oder bewusst überschritten. Wer „Nafris“ indirekt Gewalt androht, Menschen mit Migrationshintergrund Einzelhaft oder die Abschiebung wünscht und immer wieder mit Anspielungen auf den Nationalsozialismus hantiert, zeigt seine menschenverachtenden Einstellungen sehr deutlich.

Der Duisburger Identitäre Dominic Müller macht klar, was Menschen tun sollen,die nicht in das rechte Weltbild passen. IB-Bundesvorstand und Sprecher Daniel Fiß sieht es genauso.

Trotz der eher laienhaften Umsetzung und der kaum vorhandenen Wirkung über das rechte Milieu hinaus, sind die durch RR transportierten menschenverachtenden Inhalte und Aussagen nicht zu unterschätzen. Ähnlich wie beim Format der Identitären Philip Thaler und  Alexander Kleine „Laut gedacht“ werden diese Inhalte als „witzig“ daherkommende Anspielungen und Insinuationen so präsentiert, die der geneigte rechte Zuschauer für sich weiterdenkt. Damit versuchen Naggert, König, Schmitz und Co. die niedersten Instinkte ihrer Zuschauer mit Humor, Wut und Misstrauen zu wecken. Die Verpackung macht den Inhalt damit nicht weniger menschenverachtend, sondern setzt diesen nur in einen harmloseren Kontext. Die „Entschuldigung“, dies sei alles nur Satire, funktioniert nicht, wenn man zuvor Menschenfeindlichkeit aller Art propagiert. Schließlich zeigt diese als „Satire“ verpackte Hetze nur: Satire von rechts gibt es nicht.

 

Aktuelle Entwicklungen: Zwischen Neonazis, Rockern und Wutbürgern – auf der Suche nach Anschluss am extrem rechten Rand

Während in Ostdeutschland zahlreiche Identitäre durch starke rechte Strukturen ihre Karriere bei AfD, EinProzent oder regionalen Bürgerbündnissen weiterführen konnten, suchen Identitäre in NRW aktuell verzweifelt nach einer Perspektive und schauen wehmütig auf die Wahlergebnisse der AfD in Sachsen und Brandenburg. Da jedoch im Westen in absehbarer Zeit keine breite gesellschaftliche Akzeptanz extrem rechter Inhalte zu erwarten ist, suchen IB-Kader im Ruhrgebiet seit dem Sommer 2019 ihr Heil in individuellen Projekten und dem Aufbau rechter Netzwerke. Eines dieser Projekte ist „Ruhrpott Roulette“ (s.o.). Interessant ist der freundschaftliche Kontakt der Identitären aus dem Ruhrgebiet zur Generation Identity (GI) in Großbritannien, genauer gesagt in London. Die GI ist das Pendant zur IB im deutschsprachigen Raum und nutzt dasselbe Corporate Design (Lambda und die Farbkombination schwarz-gelb) konnte sich in Vergangenheit jedoch nie eindeutig von klaren Antisemiten trennen, weshalb sich kontinentaleuropäische Identitäre aus taktischen Gründen immer wieder von der GI distanzierten. Identitäre von DR machten Soli-Banner für den rechten Schläger und Hooligan Tommy Robinson und besuchten die GI Anfang Juni in London.

Umschalten von Angriffs- auf Opfermodus

Im August richtete sich Kai Alexander Naggert, nach einer Hausdurchsuchung aufgrund einer IB-Aktion in Essen, ein Tonstudio bei sich zu Hause ein. Nach dem mäßigen Erfolg mit RR möchte Naggert nun seine Ego-Karriere als NS-Rapper unter dem Namen PrototypNDS von Chris Ares (bürgerlich: Christoph Zloch) fortsetzen. Durch die obengenannte Hausdurchsuchung fiel sein geplanter Besuch bei Pegida Dresden aus. Diesen holte er zusammen mit Falk Schakolat am 15. Juli 2019 nach und hielt dort eine vor Rassismus strotzende Rede über das Ruhrgebiet. Am 26. August besuchten Naggert und Schakolat erneut Pegida in Dresden und hielten sich im VIP-Bereich auf.

Naggert am 15.07.19 bei Pegida Dresden

Mittlerweile können sich König und Naggert einen Umzug in die neuen Bundesländer gut vorstellen, wie sie auf Nachfrage bei Youtube bekanntgaben. Die zunehmenden Isolation in NRW verleitete Naggert und König schließlich dazu zum extrem rechten Aufmarsch von Neonazis, Wutbürgern und HoGeSa-Klientel am 08. September 2019 in Mönchengladbach aufzurufen, die vom HoGeSa-Gründungsmitglied Dominik Roeseler angmeldet wurde. Roeseler freute sich in einem Interview mit dem rechten Influencer Oliver Flesch über Naggerts Zusage für eine Rede.

Ares und Naggert

Auf der Unterstützerliste erschien neben extrem rechten und bereits durch gewalttätige Übergriffe aufgefallenen Gruppierungen (Bruderschaft Deutschland, Gemeinsam Stark Deutschland) und Bürgerwehren auch das IB-Projekt Ruhrpott Roulette. Naggert war zudem als Redner angekündigt, erschien aus unbekannten Gründen jedoch nicht auf dem Aufmarsch. Möglicherweise wäre der Auftritt mit und vor Neonazis und gewaltbereiten Rassist*innen unmittebar vor Erscheinung seines Albums „Neuer deutscher Standard“ mit Chris Ares ungünstig gewesen.

König und Naggert in Röselers Mobivideo für Mönchengladbach

Soviel taktische Zurückhaltung bewies der ebenfalls zum inneren Kreis der IB im Ruhrgebiet gehörende Duisburger Dominic Müller nicht. Dieser marschierte mit zwei weiteren Identitären und „Defend Ruhrpott“-Shirt mit und wurde beim Gespräch mit den Dorstfelder Neonazis Michael Brück und Jim Koal der Kleinstpartei „Die Rechte“ fotografiert.

Dominic Müller im Gespräch mit führenden Dortmunder Neonazis

Parallel dazu umgibt sich Falk Schakolat aus Bochum mit Personen aus der Verschwörungs- und Wutbürgerszene und besuchte zusammen mit diesen am 31. August 2019 die Kundgebung des wegen Verhetzung vorbestraften Islamhassers Michael Stürzenberger in Bochum.

Falk Schakolat (2.v.l.) mit seinen rechten Freunden am 31.08.19 in Bochum, u.a. mit Lisa Blum, die bereits in RR-Videos auftrat

Am 20. und 28. August besuchte Bastian Hans mit zwei weiteren Identitären den Marsch von rechten Hooligans, Neonazis und Rockern in Herne. Dort nahmen neben HoGeSa-Klientel auch bekannte organisierte Dortmunder Neonazis teil. Am 28. August suchte Hans dabei direkten Kontakt mit zwei Mitgliedern der rechten Hooligan- und Rocker Gruppe „Steeler Jungs“.

Lisa Blum (IB Duisburg) arbeitet im Bochum

Einer seiner Gesprächspartner am Startpunkt des Aufmarsches trug dabei ein Shirt mit der unmissverständlichen Message „HKN KRZ“.  Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass Perspektivlosigkeit, Frustration und ein zunehmender äußerer Druck die Identitären in NRW in eine zunehmende Radikalisierungsspirale zwingen. Die bereits Ende 2018 prognostizierte Radikalisierung von DR (vgl. hier) hat sich 2019 weiter fortgesetzt. Der Blick in die gesellschaftliche Mitte auf der Suche nach Anschlussfähigkeit ist mittlerweile durch den Blick nach ganz rechts ersetzt worden. Metapolitik, also der Beeinflussung gesellschaftlicher Diskurse im vorpolitischen Raum, haben die Identitären im Ruhrgebiet als Gruppe aufgegeben. Stattdessen werden verzweifelt Bündnispartner am extrem rechten Rand gesucht. Die Identitäre Bewegung im Ruhrgebiet ist alleine nicht mehr handlungsfähig, hat ihren Zenit längst überschritten und ist gesellschaftlich isoliert. Die neuesten Aktivitäten der verblieben Einzelpersonen zeigen, dass ihre

Bastian Hans (Mitte) mit zwei weiteren Identitären am 20.08.19 in Herne

Radikalisierung weit fortgeschritten ist, wenn sie in Nazihools, Rockern, Wutbürgern und organisierten Neonazis Verbündete sucht. Bei weiterhin ausbleibenden Erfolgen der IB in NRW erscheinen Übertritte einzelner Identitärer in Neonazikreise mittlerweile realistisch. Die Überraschung bei dieser Entwicklung bleibt jedoch aus, denn diese  politische Entgrenzung ist in der menschenfeindlichen Ideologie der IB angelegt und tritt nun lediglich offen zu Tage. Die IB-NRW ist konsequenterweise dort angekommen, wo sie nie sein wollte, als extrem rechter Akteur aber hingehört: zwischen Neonazis und gewaltbereiten RassistInnen.

 

Wir danken für die Nutzung einiger Bildquellen:

Korallenherz: https://www.flickr.com/photos/korallenherz & https://twitter.com/Korallenherz

Leftpictures: https://www.flickr.com/photos/leftpictures/ & https://twitter.com/left_pictures

 


Verweise

https://www.derwesten.de/staedte/essen/defend-ruhrpott-das-steckt-hinter-der-organisation-und-darum-beobachtet-die-polizei-sie-besonders-id217925093.html

https://www.ruhrbarone.de/kampf-gegen-identitaere-klassische-aufklaerungsarbeit-funktioniert/162668

https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMV17-2061.pdf

https://jungle.world/artikel/2019/07/mit-aufklaerung-gegen-nazi-hipster

https://www.julia-hamburg.de/presse/meldung/identitaere-bei-demonstration-der-afd-in-salzgitter.html